Anatomie eines Geiseldramas
Gladbeck ist ein Medienskandal, aber in erster Linie ein Polizeiskandal – zum Glück einer aus dem die Polizei, auch die des Landes Nordrhein-Westfalen, hoffentlich gelernt hat.
Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl distanzierte sich kurz nach dem blutigen Ende von dem katastrophalen Einsatz der NRW-Landespolizei. Hinter der Landesgrenze, in Rheinland-Pfalz, stand schon die Antiterroreinheit GSG9 bereit, die die Sache aufgrund einer gewissen Praxis sicherlich hätte besser beenden können.
Es ist nun 20 Jahre her. Das Geiseldrama von Gladbeck. Hier eine komplette Aufarbeitung des Falles mit “Spiegel TV”. Dieser Bericht zeigt auch die nahezu unglaublichen Pannen sowohl der Polizei, als auch der Presse auf.
Am Morgen des 16. August 1988 verschafften sich die vermummten und mit einem Colt M1911 A1 und einem Smith-&-Wesson-Revolver bewaffneten Täter Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner (damals 32 bzw. 31 Jahre alt) vor Schalteröffnung Zugang zu einer Filiale der Deutschen Bank im Gladbecker Stadtteil Rentfort-Nord.
Die Bank befindet sich im Atrium des Geschäftszentrums Rentfort-Nord an der Schwechater Straße 38 und ist nur von zwei Seiten zugänglich. Auf der Rückseite des Gebäudes befanden sich hochgelegene Oberlichter, die zu einem breiten, um den gesamten Gebäudekomplex verlaufenden Versorgungsweg führten.
Der Eingang lag in einem der vier überdachten Zugänge des Atriums. Links und rechts der Bank befanden sich Ladenlokale. Daher war es Degowski und Rösner kaum möglich, aus der Bank heraus die potentiellen Fluchtwege zu beobachten.
Sie hatten lediglich einen Teileinblick ins Atrium sowie Sicht auf die zwei überdachten Zugänge zum Atrium. Der Linke führte zum für den öffentlichen Verkehr gesperrten Versorgungsweg, der Rechte zur Straße.
Um 8:04 Uhr ging bei der Polizei der Notruf eines Arztes ein, dessen Praxis sich im ersten Obergeschoss des Gebäudes befand. Er hatte die Täter beim Eindringen beobachtet. Die ersten eintreffenden Beamten parkten ihren Streifenwagen direkt vor dem zur Straße liegenden Zugang.
Als Degowski und Rösner die Bank — zunächst noch ohne Geiseln — verließen, entdeckten sie das Polizeifahrzeug, kehrten um und nahmen zwei Bankangestellte als Geiseln. Dann forderten sie einen Fluchtwagen und Lösegeld.
Um ihre Forderungen zu unterstreichen, gaben sie einige Schüsse ab. Ein Rundfunksender führte das erste Telefoninterview. Nach stundenlangen Verhandlungen erhielten sie 300.000 DM (nominal umgerechnet 153.388 Euro) und einen weißen Fluchtwagen des Typs Audi 100. In diesem fuhren sie mit ihren beiden Geiseln um 21:45 Uhr los, die Polizei nahm die Verfolgung auf. In Gladbeck stieg Marion L., die Freundin Rösners, zu.
